LebensKunst

Besondere Wahrnehmung
Ich kam 1961 mitten im Ruhrgebiet – in Mülheim an der Ruhr – zur Welt. Infolge von Conterganschädigungen bin ich schwerhörig, mein Gesicht teilweise gelähmt und das Sehen eingeschränkt. Erst mit drei Jahren erhielt ich mein erstes Hörgerät und lernte dann, die Welt hörend und sprechend zu erobern. Mein sensorisches Erleben ist hierdurch geprägt. In allen Formen, die mich umgaben, seien es die Fliesen im elterlichen Bad, die Wolken am Himmel, erblickte ich mit unscharfem Blick Wesen aller Art. Eigentlich waren sämtliche Dinge beseelt, bevölkert. Das hat meine Phantasie befeuert und es prägte damals wie heute meine Wahrnehmung. Hieraus erklärt sich meine Art, künstlerisch zu gestalten.

Künstlerisches Erwachen
Als Teenagerin begann ich mit Bleistift und Jaxon-Kreiden zu zeichnen. Portraits und Bildnisse, auf denen ich meine Gefühle und Gedanken zeichnerisch zu Papier brachte, entstanden. Entgegen meinem inneren Wunsch, Kunst zu studieren, entschied ich mich für ein Pädagogikstudium im damaligen West-Berlin.

Bis auf seltene Ausnahmen betätigte ich mich künstlerisch erst wieder während meiner Berufstätigkeit. In der Arbeit mit behinderten und nichtbehinderten Kindern – im Kinderhaus Mainkrokodile in Frankfurt am Main – erlebte ich, dass kreative Gestaltung die Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst. Diese Erfahrung ließ mich eine Weiterbildung zur Kunsttherapeutin absolvieren. Um darüber hinaus, meine eigenen schöpferischen Fähigkeiten auszubauen, nahm ich an verschiedenen Kunstkursen in der Frankfurter Städelschule teil.

Bewegte Kunst
Während einiger Malreisen und Kunstworkshops in den neunziger Jahren unter der Leitung von Alfred Niedecken (Künstler, Maltherapeut), erstellte ich überlebensgroße Tanz- und Sprungbilder. Hierzu tanzte und sprang ich barfuß in auf liegende Leinwandstoffe gegossene Gouache-Pfützen, um die dynamische Bewegung des Tanzes anschaulich zu machen.

Kunst zu leben
Zur Jahrtausendwende begegnete ich der Liebe meines Lebens und folgte Andreas Bemeleit nach Hamburg-Bergedorf. Mein Mann ist Fotograf und Hämophiler (Bluter). In den achtziger Jahren wurde er mit HI-und Hepatitisviren infiziert, welche ihm in aus Spenderblut gewonnenen Gerinnungspräparaten verabreicht wurden. Uns verbindet nicht nur die Freude kreativ zu gestalten sondern auch die Erfahrung, als Pharmageschädigter zu leben und zu überleben.

Zunächst machte ich mich als Kunsttherapeutin in Hamburg-Bergedorf selbstständig, gründete Creativförderung und förderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderungen.

Natur ist Struktur ist Kunst
Während eines Urlaubs an der dänischen Ostseeküste faszinierten mich die lehmhaltigen Steilküsten. Hier kam die Idee auf, mit Lehm nicht nur zu kneten sondern auch zu malen. Dass dieses natürliche Material auf Aquarellpapier aufgetragen bemalt werden kann, begeisterte mich. Meine Metamorphosen entstanden.

2009 mietete ich mich im Atelier Freigleis bei der Künstlerin und Maltherapeutin Britta Lorek ein. Eine bedeutsame inspirierende Phase begann, in der ich mit Klienten kunsttherapeutisch arbeitete, freies Gestalten vermittelte und vielen, kreativen Menschen begegnete. Gemeinsam mit Britta Lorek und anderen Künstlerinnen veranstalteten wir neben den Tagen des offenen Ateliers, im April 2014 die Werkschau I. Danach folgte Dezember 2015 eine Gruppenausstellung mit Werken von Britta Lorek, Dr. Kirstin Faupel-Drevs und von mir.

2013 ist das Jahr, in dem Andreas Bemeleit schwer an Hepatitis erkrankte und in dem ich meine Berufstätigkeit beendete, um meinem Mann zur Seite zu stehen und mich ausschließlich auf meine künstlerische Arbeit zu konzentrieren. Seither definiere ich mich als Künstlerin. In diesem Jahr erschuf ich die ersten Werke, deren Leinwandstoffe über mehrere Wochen in verschiedenen Erden und Mooren lagen. Das Besondere daran sind die Strukturen, die die einzelnen natürlichen Partikel in dem Stoff hervorrufen. Diese mache ich sichtbar, indem ich die erhabenen Stellen mittels Frottagetechnik mit Gouache-, Aquarellfarben und Pastellölkreiden koloriere. Während ich die Leinwände bearbeite, erscheinen mir Formen, Farben und Figuren, die ich farbig hervorhebe. Hier kommt mir der unscharfe Blick zugute, der mir seit Kindertagen vertraut ist. Ich bezeichne es als den William Turner-Effekt, dessen Malerei seiner späten Schaffensjahre ich besonders schätze. Bei nachlassender Sehkraft schuf William Turner nahezu abstrakte, leuchtende Kunstwerke. Was zunächst wie eine Einschränkung erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als freieren Umgang mit kreativen Ideen, unabhängig von Konventionen, offen für Neues.

Zahlreiche Werke meiner Natur-ist-Struktur-ist-Kunst stellte ich Februar 2015 erstmalig in einer Einzelausstellung im Kulturzentrum LOLA, Hamburg-Bergedorf der Öffentlichkeit vor.

Gemeinsam mit meinem Mann setze ich mich für die Rechte von Menschen ein, die durch Pharmaprodukte geschädigt wurden. Während unserer Gemeinschaftsausstellung Einblicke-Ausblicke im März 2017 machten wir auf die prekäre Lage der mit HI- und Hepatitisviren infizierten Menschen aufmerksam. Im Berliner Kunstraum Kaynak zeigte Andreas Bemeleit Fotografien aus der Natur und von mir war eine Auswahl aus Erd-und Moorpartikeln bestehenden Kunstwerken zu sehen. Gemeinsam mit anderen AktivistInnen erreichten wir eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die Infizierten.

Meine Kunst ist nicht nur das Abbild meines inneren wie sozialen Lebens sondern auch das Abbild meines Erlebens der Natur. In meine Bilder fließen Erinnerungen an frühere Taucherlebnisse genauso wie Assoziationen an das Weltall mit ein. Sterne, Steine, Erdpartikel sowie das Element Wasser sind für mein künstlerisches Wirken elementar. Ohne sie gäbe es meine Bilder nicht.

Gemeinsam mit meinem Mann betreiben wir ein Atelier in der Mühlenstraße, wohin wir zu kleinen Ausstellungen einladen.

Atelier in der Mühlenstr. 32

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